Der Spielraum des Alltäglichen

29. August 2010

Sprache lebt von Interpretation, das ist nichts Neues. Verstehen und Verständnis geschieht im Kopf, nicht auf dem Papier. Mit Erzähltem verhält es sich ebenso, außerdem kommt nahezu zwingend noch die Projektion hinzu, das Hineininterpretieren. Die Leerstellen zwischen den Worten, den Buchstaben, dem Schwarzen auf dem Weißen werden vom Leser nach Möglichkeit ausgefüllt. Auf die eine oder die andere Weise, durch Phantasie und eigene Erfahrung, und es ist noch viel mehr, das in einen Text mit hineinspielt. Das ist ein wesentlicher Teil von Literatur, nur deshalb funktioniert sie. Weil fast alles möglich ist, zwischen den Zeilen. Das ist es schließlich, was Spannung erzeugt, das ist das A und O, um durch eine simple Erzählung andere Welten zu betreten. Fiktive oder eine reale, ganz egal. So werden Kinder gebannt, zuerst durch die Geschichten, die ihnen zur Nacht erzählt werden, dann durch die Bilder und Buchstaben in den Büchern. Ich erinnere mich gut an die unendliche Kraft, die darin liegt.

Der Umgang mit diesen unausgefüllten Weiten ist etwas Wunderbares, will aber auch gelernt sein. Begönne ich eine Geschichte mit folgenden Worten:

Ich erinnere mich nicht, als Kind irgendwann geschlafen zu haben. Ich erinnere mich an dunkle Nächte und tiefes Schweigen, das mich umgab. Bis schließlich der Morgen mich erlöste. Jeden Tag aufs Neue.

Dann wäre das nicht nur recht kitschig, es wüßte vor allem so gut wie jeder, daß eine biologische Unmöglichkeit behauptet wird. Kein Mensch kann über Jahre hinweg nicht schlafen, es muß also etwas anderes gemeint sein. Womöglich irrt sich dieses Ich und gibt eine durch Erinnerungsprozesse verzerrte Wirklichkeit wieder. Oder das Ich weiß sehr wohl, daß es eine solche Schlaflosigkeit niemals überlebt hätte, versucht aber auf die Art, seine damals katastrophale Lage zu umschreiben. Indem es das Stilmittel der Übertreibung wählt. Das ist das Naheliegende, es gibt darüber hinaus aber noch sehr viele andere Möglichkeiten. Denkbar wäre zum Beispiel, daß das Ich kein Mensch ist und deshalb nicht schlafen muß. Es könnte ein Außerirdischer sein oder eine denkende und empfindende Maschine, ein Android vielleicht. Es könnte sich auch um einen Toten handeln, wer weiß schon, ob Tote schlafen müssen oder überhaupt können. Oder aber es ist ein Mensch, der offenbar sein Leben lang schon an einer unbekannten Krankheit leidet, die ihn nicht schlafen, aber auch nicht daran sterben läßt. Schon als Kind war er daher einem beständigen Forschungsdruck ausgesetzt, einem andauernden Suchen und Herumbasteln an seinem Körper, von dem er nun zu berichten trachtet. Und von seiner lebenslangen  Sehnsucht nach Schlaf.

Im Netz und in Blogs, das gebe ich zu, geht es auf den ersten Blick eher weniger um die phantastischen Möglichkeiten des Erzählens, zumindest die gängigen Hitlisten werden von journalistischen und publizistischen Themen oder Produkt-PR im weitesten Sinn beherrscht. Und damit überwiegend von Männern, was neulich von Katrin Strohmaier in der taz thematisiert wurde.  Die kleinen und großen Geschichten, die Tagebücher des Alltäglichen existieren aber ebenso. Sie sind vermutlich sogar zahlreicher. Und sie sind es wert, gelesen zu werden. Mehr noch, auf lange Sicht sind sie für mich spannender als die unzähligen Debatten, Analysen und Streitereien, die sich doch immer nur wiederholen.

Beim Tagebuchschreiben kommt es nicht unbedingt auf sprachliche Brillanz an, wie es ja gerne gefordert wird, und schon gar nicht auf eine publizistische Relevanz. Manche Tagebuchblogger schreiben runde, fertige Geschichten, das stimmt. Andere mäandern durch ihre Welt, setzen willkürlich Punkte, mal hier und mal da. Die Wichtigkeit wechselt, wie es im Leben so ist. Am nächsten Tag schon kann alles ganz anders aussehen, Weltsicht und Stil, Thematik sowieso. Es gibt auch Tagebuchschreiber, die nur Listen veröffentlichen, Essenszeiten, Arbeitsstunden und Körpergewicht vielleicht. Na und? Auch das ist gut so. Übrigens sollen das schon berühmte Dichter nicht viel anders gehalten haben. Das aus dem persönlichen Alltag resultierende Tagebuch ist häufig ein Schnellschuß, in ein paar Minuten heruntergeschrieben und drei Tage später schon vergessen und verworfen. Eine Erleichterung vielleicht, eine Stoffsammlung, erste Versuche im Steinbruch der Zeit. Ein Ansatz, mehr nicht, in dem mit ein wenig Glück ein Freischreiben geschieht, für die, die irgendwo im Hintergrund weiter daran arbeiten mögen. Oder auch nicht, wer weiß das schon? Womöglich dient es auch einfach nur der Analyse, der Selbstbespiegelung und die selbstgewählte Öffentlichkeit dient dabei als innerer Regulator. Warum denn nicht?

Gefaßt sein sollte man lediglich darauf, daß es Mißverständnisse geben wird. Immer, egal in welchem Bereich man sich schreibend bewegt. Das ist die Kehrseite von Sprache, dieser Medaille, in der sich die unterschiedlichsten Projektionen spiegeln. Ganz besonders gilt das natürlich für das Alltagsbloggen, das – bewußt oder unbewußt – weit mehr als alle anderen Formen auf der vollen Bandbreite des Interpretationsspektrums spielt. Nicht nur die grundsätzliche Frage nach Wahrheit oder Lüge stellt sich hier, vor allem stößt man häufig auf Wertungen, manchmal sogar auf – bewußte oder unbewußte – Abwertungen. Außerdem kommt es natürlich vor, daß im Rahmen der interpretatorischen Möglichkeiten jemand den Text nicht nur mißversteht, sondern schlicht und einfach Mist versteht. Damit muß man als Autor in der Öffentlichkeit leben, ohne groß Fragen zu stellen. So schwer ist das allerdings nicht.

Am Anfang

31. Juli 2010

Vor ziemlich genau zwei Jahren habe ich dieses Blog gestartet. Um Worte zu finden rund um das Wort, das an sich ja eigentlich nichtig ist. Ein Nichts, ähnlich wie Geld, das einmal Gold gewesen sein mag, inzwischen aber Papier ist oder aber nur noch eine digitale Ziffer. Mehr nicht mehr und mitunter nicht einmal mehr das, wie wir alle inzwischen wissen. Alles ist Illusion.  Auch der Umgang mit Worten, das Schreiben auf Papier oder aber digital, in die Vergänglichkeit des Internets.

In den zwei Jahren habe ich mich bemüht, muß aber zugeben, daß ich unzufrieden bin. Es gibt kein Konzept, nur eine grobe Struktur. Vielleicht ist das falsch, keine Ahnung. Es gibt auch kein erklärtes Ziel, alles ist einfach nur Geplätscher. Dagegen habe ich im Grunde nichts. Das ist bloggish, finde ich. Aber deshalb sieht es hier so aus, wie es nun mal aussieht. Recht karg.

Dabei gäbe viel zum Thema Schreiben zu sagen, das denke ich immer noch. Doch nicht immer habe ich die Zeit oder die Muße, all das, was es zu sagen gäbe, adäquat umzusetzen. das braucht eben ein bißchen, Zeit und klare Gedanken. Einfach mal eben so ein paar Sätze hinfetzen, damit ist es hier nicht getan. Dafür ist anderswo genug Platz.

Aus diesem Grund gibt es hier seit geraumer Zeit einen internen Minimalkonsens mit mir selbst, der besagt, daß jeden Monat wenigstens ein Beitrag zu erscheinen hat. Nur deshalb sitze ich jetzt hier und schreibe. Es ist der 31. Juli, der letzte Tag im Monat. Und ich habe in diesem Monat noch nichts geschrieben. Einen anderen Anlaß gibt es nicht.

Doch es funktioniert, auch so geht Schreiben. Man tut es einfach, weil es getan werden muß. Aus keinem anderen Grund. Man kann anfangen, irgendwo. Es ist ganz einfach. Der Kopf ist niemals leer. Und ausgehend von diesem Anfang wird sich bald schon etwas ergeben. Eine Richtung, ein Ziel, man wird sehen. Auf jeden Fall ist ein Anfang gemacht, ein Pfad gelegt für das nächste Wort. Welches auch immer das sein mag.

Selber schuld

30. Juni 2010

… wenn du Trolle fütterst.
… wenn du das nicht verstehst.
… wenn du glaubst, was der schreibt.
… wenn ich dich  verarsche und vorführe.
… wenn du alles ernst nimmt, was ich sage.
… wenn du technisch nicht auf der Höhe bist.
… wenn du dich im Netz nicht zurecht findest.
… wenn ich deshalb in deinen Raum eindringen kann.
… wenn du nicht bist wie ich, so vollvernetzt und verpeilt.

So oder so ähnlich klingt es mir in letzter Zeit immer wieder nachhaltig in den Ohren, dieses Selber-Schuld-Netz, dessen Existenz mir – spät, aber immerhin – erst bei der letzten re:publica so richtig bewußt wurde. Diese Proll-Troll-Natur, jenseits aller Menschlichkeit und Konstruktivität, die sich keine eigenen Räume kreiert, sondern rücksichtslos fremde Räume zu fluten oder auszubrennen trachtet, je nach dem.

Es ist das Gegenteil von Netz, von Freiheit auch und Respekt, im Netz oder sonstwo, das sich darüber hinaus auch noch zum eigentlichen Netz erklärt. Oder zum Zwischennetz, zum Abschaum. Oder zu Experten, warum auch immer. Lies erstmal das, denk erstmal jenes. Und komm dann wieder und trau dich, etwas zu sagen. Dann werden wir sehen, ob  du es verstanden hast. Oder ob du unser „Opfer“ bleibst.

Schuld, jaja. Das ist das einfachste Prinzip, um Verantwortung zu vermeiden. Um die Dinge, die man anrichtet, ob nun absichtlich oder nicht, auf andere abzuwälzen. Auf die Opfer, versteht sich, die (vermeintlich) Schwächeren. Die, die nicht verstehen, die sich nicht auskennen, die sich (noch) keinen Überblick verschaffen konnten. Die, die ich zu „Opfern“ mache. Das ist der leichteste Weg, aber das sagte ich bereits. Geschwätz, Häme und Hybris helfen ebenfalls, soweit ich das erkennen kann. Neben den bereits erwähnten selbstkonstruierten Strukturen natürlich. Gedankenschranken, die niemandem kontrollfreien Zugang gewähren.

Dieses Netz ist ein Unsinnsnetz. Es tut nur weh, ohne Sinn und Zweck. Aber es wird niemals ernst und tief. Es ist nicht wichtig und kann es so auch nicht werden. Denn niemand muß sich jemals entscheiden, nicht wirklich. Alles könnte ja auch ganz anders gemeint gewesen sein, von Anfang an. Das ist der beste Trick überhaupt, der funktioniert sowieso.

Selber schuld also, wenn du das nicht verstehst. Alles schwimmt und schwappt, wohin auch immer. So geht das Spiel. Verstehst du?

Andererseits: Schwamm drüber. Auf die Art entsteht eh nix! Also, keine Gefahr.

Was tun bei Contentklau?

31. Mai 2010

Um eines einmal klarzustellen: das Internet ist nicht wirklich umsonst, allein der Zugang kostet. Geld und Energie, noch einiges mehr. Und auch alle Bilder, alle Texte und was es sonst noch im Internet gibt, gehört irgendwem. Oder anders gesagt: es steht – meistens – nicht zur freien Verfügung.

Richtig herumgesprochen hat sich das aber noch nicht, so scheint es zumindest. Man sollte doch meinen, daß wenigstens eine Nachfrage angesagt wäre, wenn ein Element von einer anderen Seite benutzt werden soll. Auch, wenn es sich um eine rein private Seiten handelt.

Wie also damit umgehen, wenn einem genau das passiert? Wenn die eigenen Texte oder Bilder auf einmal ungefragt ganz woanders auftauchen? Möglichkeiten gibt es viele, angefangen von einer Abmahnung durch einen gewitzen Anwalt, über das Erstellen einer saftigen Rechnung, bis hin zu einem persönlichen Hinweis verbunden mit der Bitte um Entfernen des fremden Materials.

Auch ein guter Weg ist es offensichtlich, mit dem Finger darauf zu zeigen. So geschehen in den letzten Tagen im wilden Gartenblog. Zunächst wurde eine ausführliche Darstellung veröffentlicht, bereits zwei Tage später hatte sich die Sache dann erledigt. Oder die Karawane ist weitergezogen, hat sich ein neues Spielfeld gesucht. Bis das Gerangel wiederum entdeckt und auf die eine oder andere Art ausgeschaltet wird.

Ein ziemlich blödes, zeitraubendes Getue.

Blogs vs. Print

27. April 2010

Blogs sind ein Stück Software, hat mir mal jemand gesagt. Was ich damals noch ein wenig absurd fand, leuchtet mir heute etwas besser ein. Blogs haben ein Gerüst, das zusammengesetzt ist aus Software. Dazu kommt noch  diverse Hardware und Konnektivität natürlich. Aber das ist es dann auch schon. In diesem Sinn gleicht ein Blog dem anderen, mit marginalen Unterschieden.

Diese Unterschiede werden vom Content gemacht. Oder vom Leben, wenn man so will.

Im Printbereich sieht es übrigens seit jeher genauso aus. Das Gerüst ist anders zusammengesetzt, das ist klar. Da spielt Papier, Farbe und Leim oder Heftklammern eine Rolle. Die Transportwege sind komplexer. Aber sonst? Andere Grundbedingungen, mehr nicht.

Print-Endprodukte ähneln sich ebenfalls in gewisser Weise. Politische Magazine sehen optisch nicht viel anders aus als Hauszeitschriften, Kataloge oder sogar Postwurfsendungen. Auch hier gilt: auf Content und Leben kommt es an. Auf Qualität.

Vielleicht sollte man den Menschen zutrauen, daß sie die Unterschied ausmachen können. Zwischen frei und gekauft, Journalismus und Werbung, wenn man so will. Zwischen absolut passend und völlig daneben. Das funktioniert am Kiosk ja auch.

Law & Disorder

17. März 2010

Felix hat auf seinem Blog wirres.net eine hübsche Zusammenstellung von Internetgesetzen veröffentlicht, die insbesondere in Diskussionen in Kraft treten. Sehr spannend, wenn auch vielleicht ein wenig lang. Und weiteres Wachstum der Liste ist ja durchaus zu erwarten. Im Zusammenhang mit meiner frustgeprägten Auseinandersetzung mit dem Kommentargeschehen (insbesondere im HSB), kam mir aber dennoch vieles ziemlich bekannt und auch erhellend vor.

Besonders zutreffend erscheint mir Nummer 59: Nach der Erfüllung eines der Usenet-Laws ist die Diskussion beendet. Wer dennoch weiterdiskutiert, hat es nur noch nicht gemerkt.

Gänzlich unverständlich hingegen ist mir Nummer 24: Sobald sich in einem Thread ein weiblicher Poster zu Wort meldet, hat dieser automatisch die ganze Aufmerksamkeit der Newsgroup, was den Tod des urprünglichen Themas mit sich zieht.

Da behaupte noch einmal jemand, das Internet sei nicht vorwiegend männlich geprägt.

Neues von den Tagebuchbloggern

5. März 2010

Mek Wito und Melancholie Modeste, die beiden Veteranen auf dem Gebiet, sind beide, mehr oder weniger sporadisch, fleißig dabei. Gleiches läßt sich für die Kaltmamsell sagen, dazu ist ihr Journal in letzter Zeit erschreckend vollständig.

Lisa Neun, ganz frisch in der Riege, hat als Zeichnerin selbstverständlich einen eigenen Weg gefunden: ihr Tagebuch erscheint als Comic. Und Franziscript, immerhin, hat neulich via Twitter ihren Einstieg ins Tagebuchbloggen angekündigt. Also abwarten.

Nachtrag: Anke Gröner, hab ich bislang völlig übersehen.