Leben und Schreiben

18. Dezember 2011

Sprache ist die Quelle von Mißverständnissen, das ist nichts Neues. Kommunikation ist eine komplexe Sache. Dazu braucht es mehr als nur Sprache, das steht wohl außer Frage.

Beim Bloggen ist das nicht anders, insbesondere bei der ganz persönlichen Art des Bloggens. Und sie sind ja nicht selten, die Tagebuchblogs zwischen persönlichem Erleben und literarischer Verarbeitung des Alltags. Auch hier ist mehr als Sprache gefragt, um zu verstehen. Oder aber manchmal auch nicht zu verstehen. Das gehört eben auch mit dazu.

Auch Claudia von der Sammelmappe kann ein Lied davon singen. Dieser Tage hat sie wieder einmal zusammengefaßt, wie es ihr mitunter ganz persönlich beim Bloggen ergeht:

Mir ist es sowohl in der realen als auch in der virtuellen Welt nicht fremd, dass ich auf Menschen stoße – bzw. eher umgekehrt, diese Menschen stoßen auf mich, machen sich ein Bild von mir und nach einer Weile fühlen sie sich provoziert, weil irgendetwas in diesem Bild nicht mit der Vorstellung, die sie sich von mir machen übereinstimmt. Je nach Persönlichkeit dieser Personen wird mir dann mehr oder weniger aggressiv gegenüber getreten. Mir werden Fehler in der Kommunikation vorgeworfen, mir wird erläutert, was die richtigen oder wichtigen Probleme, Themen oder Lebensentwürfe wären. Mir wird auseinandergesetzt, welche Reaktionen man sich von mir erwarten würde – und ganz wichtig: mir wird versichert, wie hoch man mich schätze und dass man deshalb zu meinem Besten in diese Dikussion mit mir eintrete.

Mißverstanden werden, mißinterpretiert und aus mißlichen Gründen unvermittelt aggressiv angegangen, das passiert immer wieder. Das gehört auch beim Privatbloggen einfach dazu, darauf sollte man gefaßt sein. Es ist wie mit jeder Literatur, die Versuchung ist groß, hinter dem Text die Person zu erkennen und klar zu definieren. Das ist jedoch nur ein Spiel, das man durchaus einmal spielen kann, um sich selbst auf die Schliche zu kommen. Nicht jedoch den anderen. Die Menschen hinter dem Text zu durchschauen ist ein Aspekt, der von Grund auf zum Scheitern verurteilt ist.

Für den oder die PrivatbloggerIn bedeutet das: Letztendlich hilft nur Gelassenheit. Und die Gewißheit, daß das eigene Leben ohnehin die einzige Konstante ist. Im eigenen Leben.

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Lesen und Schreiben

30. November 2011

Ein schönes und vertrautes Wortpaar. Eine Zwillingsexistenz, wie es vermutlich nicht nur mir scheint. Aber was haben Schreiben und Lesen tatsächlich miteinander zu tun?

Selbstverständlich empfehle ich allen, die Schreiben wollen, zunächst einmal das Lesen. Dabei kommt es nicht darauf an, was gelesen wird. Die meisten Menschen werden ohnehin zu dem greifen, was sie interessiert und was sie eventuell auch selbst verfassen möchten. Doch das  ist nicht der Punkt, es dürfen auch Waschmaschinenbauanleitungen sein oder völlig verkorkste Wikipediaeinträge sein.

Wichtig ist vor allem die Sprachbetrachtung. Sprache ist Muster und Struktur, sie ist in sich starr und wenig flexibel. Sprache ist Macht, und die will schreibend in Fluß gebracht werden. Dafür muß man sie kennen. Gut kennen.

Aber wenn es schließlich ans Schreiben geht. Was dann? Soll man dann noch lesen? Und wenn ja, was?

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Klagenfurter Nachlese (4)

30. Oktober 2011

[Auf der Suche nach dem ICH: 1. Klagenfurter Nachlese, 2. Klagenfurter Nachlese, 3. Klagenfurter Nachlese]

Julya Rabinowich und Daniel Wisser, zwei sehr unterschiedliche Texte. Warum habe ich die nur zusammengepackt? Keine Ahnung, irgendeine Intuition. Also mache ich jetzt was daraus.

Die Erdfresserin, sprach- und bildgewaltig, verdichtet, nicht nur wegen des einzeiligen Schriftbildes. Gar nicht so schlecht. Außerdem ein klares Ich, ein erzählendes Ich. Ein Ich mit Augen und Ohren, mit Geruch und Geschmack. Und ein Ich, das nicht in der Innensicht gefangen ist. Statt dessen eines, das auch die Welt sieht, die Wohnung zumindest. Ich mag dieses Ich, ich liebe es nahezu. Vielleicht ist das die Lösung, einfach nur klassisch erzählen, tief aus einem Ich heraus. Aber heraus eben, nicht hinein.

Hier und da ist die Textdichte vielleicht ein wenig viel. Ob ich ein ganzes Buch in dem Stil lesen wollen würde? Vermutlich eher nicht, da würde ich mir ein wenig mehr Tempowechsel wünschen. Oder zumindest mehr Zeilenabstand. Wobei mir natürlich wieder einmal ist mir nicht klar, ob es sich um einen Auszug handelt oder nicht.

Bei aller Schönheit läßt mich der Text also eher ratlos. Obwohl es der erste ist, der mich an die Bachmann denken läßt, immerhin. An Malina sogar, die Schlußpassage. Auch eine Wohnung, auch ein Innenleben, das dennoch nach außen strebt, bis zuletzt. Obwohl es dort natürlich Wechsel gibt, Dialoge und Erzählpassagen, Briefe und sogar Noten. Überhaupt frage ich mich, warum diese Texte alle so bieder daherkommen. Also zumindest optisch und strukturell so unglaublich bieder, beinah altmodisch. Wo doch Malina inzwischen tatsächlich 40 Jahre alt ist.

Mit Standby habe ich mich vergriffen, darin gibt es gar kein Ich. Es handelt sich vielmehr um eine Art Er, ein passiver Er noch dazu. Also eigentlich mehr ein Man, besser noch: ein passiver Mann. Eigenartig, aber egal. Vielleicht bringt es ja genau das.

Gepackt hat mich der Text schon beim Zuhören, gleich in er ersten Zeile. Der »Augenkopfschmerz«, wie ich das kenne. Bald danach verliert mich die Story allerdings. Der Mann halt, ein passiver Mann mit größtmöglicher Selbstdistanz. Obwohl er ein Pedant ist und ein Korinthenkacker noch dazu, leidenschaftslos und arm. Wie ich das kenne. Also dagegen ist nichts zu sagen, im Gegenteil. Trotzdem. Fürchterlich. Vielleicht weil ich das so gut kenne. An dem Punkt gebe ich auf, das wird mir zu persönlich. Da blicke ich also nicht wirklich durch, und das ist meine Schuld.

Bleibt die Frage, ob Dritte Person Passiv eine Lösung sein könnte. Oder einfach nur sperrig. Und langweilig. Spontan schüttelt es mich ja dabei, und nicht nur mit dem Kopf. Schade.

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Klagenfurter Nachlese (3)

18. September 2011

[Auf der Suche nach dem ICH: 1. Klagenfurter Nachlese, 2. Klagenfurter Nachlese]

Zwei Texte, die ich vor Wochen schon für meine Nachlesen so zusammengepackt habe, spontan, aus der Erinnerung heraus. Vielleicht, weil der Autor und die Autorin mir so dicht beieinander vorkamen. Vom Alter her, vom Thema. Das schien zu passen, obwohl meine Einteilung nur grob war. Dennoch kommt es nun, wie es besser nicht sein könnte.

Zwei Texte mit eindeutigem, unumstößlichen Ich: Antonia Baum und Leif Randt. Beide Ichs sind jedoch keine Kinder mehr, vielmehr handelt es sich um diese eigenartigen Zwischenwesen, zwischen Kind und Mensch oder was immer aus uns wird, danach. Darüber hinaus, unterschiedlicher könnten zwei Texte wohl nicht sein. Der eine nahezu makellos und gekonnt flach, mit bestechender Präzision. Ein Ich, das quasi neben sich steht, sich fremd ist, ahnungslos und taub. Der andere mit vielen kleinen oder größeren Fehlern, die das Lesen hier und da erschweren. Dafür aber mit einem Ich, das wild und wirr in sich selbst tobt, sich nicht zurechtfindet, dabei aber immer wieder ins Schwarze trifft.

Antonia Baums Text stand ich vor der Nachlese skeptisch gegenüber. Zum einen aufgrund der sehr wach und aufmerksam miterlebten Lesung vor Ort. (Ja, es hat seine Vorteile, im Saal zu sitzen und nicht mit dem Internet herumzuspielen. War das am ersten Tag?) Zum anderen wegen der eher absurden Diskussion im Anschluß, die ich jedoch weit weniger aufmerksam verfolgt habe. Thomas Bernhard wurde erwähnt, das weiß ich noch. Das muß wohl so sein, immerhin findet das alles ja in Österreich statt. Hilfreich war insbesondere diese Diskussion allerdings nicht.

Auch der Text macht es mir nicht leicht, viel zu sehr versucht er, es mir gleich auf der ersten Seite zu besorgen. Außerdem ist da Berlin, ich erkenne es sofort. Ein Berlin, von dem ich immer wieder höre und lese, das ich selbst aber nicht kenne, das ich auch nicht vermisse. Das ist aber nur normal, denn ich bin schon lange keine zwanzig mehr. Und selbst mit zwanzig bin ich niemals nachts durch den Bauch einer Stadt getaumelt, was immer das zu bedeuten haben mag. Alles andere als das.

Danach wird es deutlich besser. Was auf den ersten und vielleicht zweiten Blick wie ein kleines Dorffamiliendesasterchen daherkommt, wird mir beim nachlesen tatsächlich zu einer Tragödie. Leider erst da, und leider bleibt es dennoch häufig schwammig, teilweise fast psychologisierend. »Familien sind übergriffig, …« heißt es da.  Nun gut, das ist nichts Neues, keine großartige Erkenntnis. Aber es muß mal gesagt sein, das stimmt. Außerdem denkt es ein bißchen viel, dieses Ich. Es denkt so vor sich hin, denkt sich nicht immer auf den Punkt dabei. Es schwimmt so herum. Ja, da ist viel Gefühl, und davon verstehe ich nicht viel. Trotzdem weiß ich nicht recht, ob diesem Ich die behauptete Katastrophe abgekauft wird, letztendlich. Vielleicht tue nur ich das, und das erst beim zweiten lesen, weil ich es eben sowieso weiß.

Vom Dorf aus geht es in die Stadt, das ist der natürliche Weg. Ich verstehe, obwohl ich selbst ja gleich in der Stadt geboren bin. In so einer Art Stadt zumindest, kein Vergleich zu Berlin natürlich. Es geht also nach Berlin, was auch sonst. Und da ist dann gleich alles anders und dennoch alles gleich. Ein interessanter Ansatz, denn das ist sehr echt: Alles ist Deko, und alles bleibt Deko, ein Leben lang. Meine Güte, ja! Der Text könnte funktionieren, denn er trägt tatsächlich einen Hauch von Wahrheit in sich. Ich mag das, damit hätte ich nicht gerechnet. Mir gefällt dieses Ich. Es bleibt ganz dicht bei sich, ist immer im Jetzt, das ist gut. Dieses Ich ist lebendig, flexibel, spontan. Dabei nicht konsequent, nicht reflektiert oder abgegrenzt. Sich selbst überhaupt nicht sicher, sondern, im Gegenteil, meistens schwer verwirrt.

Das Ich ist ein Augenblick. Nur so funktioniert es, vielleicht. Wenn auch nicht in bis in den letzten Winkel der Ausführung, jedenfalls nicht in diesem Text. Aber das ist der Ansatz.

Patrick ist mir dann doch allzu klischeegezeichnet, überzeichnet. Jo dagegen schwebt wie eine Art Gottgestalt ein und aus und wieder ein. Selbst das Ich steckt fest im Klischee, und das Selbst ist nur ein Haufen Struktur, aufgemischt mit Wodka und Pillen. Das verstehe ich irgendwann alles nicht mehr so genau. Das mag am Alter liegen, ich sagte es schon. Obwohl ich am Ende dann doch fasziniert bin und auch bleibe von diesem wirren Ich. Und bei dem letzten Satz weiß ich wieder einmal nicht, ob es sich um einen Fehler handelt oder ob es wirklich so sein soll. Denn auf einmal steht da das Verb in der Vergangenheit. Warum nur, warum?

Ganz anders der Text von Leif Randt. Dieses Ich steht neben sich, von Anfang an. Es beschreibt sich selbst wie ein Spiegelbild, es plaziert Worte wie Accessoires in den imaginären Raum. Jaja, alles ist Deko, das Leben wie die Literatur. Das hatten wir schon, das ist ja auch klar. Distanz ist darüber hinaus das Wesen unserer Zeit, sein augenblicklicher Geist sozusagen. Ich verstehe. Und ich langweile mich.

Alles ist so unglaublich glatt und unironisch, daß ich mich auf Seite 7 aus lauter Verzweiflung verlese: Sinnlosigkeit statt Sinnlichkeit. Und so geht es weiter, Seite um Seite, eine schöne, glatte Oberfläche, selbstverständlich im Blocksatz präsentiert. Na gut, bei der Sexszene muß ich dann doch kurz auflachen, das ist immerhin »eine Art Höhepunkt«. Ironisch kann ich das aber immer och nicht finden, eher handelt es sich wiederum um Verzweiflung. Meine persönliche Verzweiflung an diesem sinnfreien Ich. Was soll ich damit anfangen? Was kann man damit erzählen?

Ich weiß es nicht, das wird mir wohl ein Rätsel bleiben. Aber das Buch ist jüngst erschienen, das habe ich im Literatur-Café gelesen. Schick aufgemacht, fein gesetzt und völlig gefahrlos zu einem Ende geführt.  Denn am Ende bleibt dann ja doch immer alles gut, so ist das Leben. Oder etwa nicht?

Zu guter Letzt heißt es in der Rezension dann noch:

Denn das Schlimmste, was mit diesem Buch passieren könnte, wäre, wenn sein Umschlag Kaffeeflecken bekommen würde.

Tja, dann … Ist ja alles in Ordnung.

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Klagenfurter Nachlese (2)

4. September 2011

Noch einmal kurz zur Verdeutlichung: Ja, ich arbeite die diesjährigen Klagenfurttexte nach. Und ja, ich bin spät dran damit, mehr als nur das. Ich bin absolut out, wie eigentlich immer. Das ist so, ich gebe es unumwunden zu.

Andererseits möchte ich festhalten, daß ich mich keinesfalls als späte Kritikerin versuchen oder gar KollegInnenschelte betreiben möchte. Ich suche lediglich nach einer Antwort, nach einer praktikablen Lösung. Ich weiß nicht, inwieweit das in der 1. Klagenfurter Nachlese bereits deutlich wurde.

Deshalb hier noch einmal: Es geht um das Problem einer Erzählperspektive hin- und herschwankend zwischen einem Kind und dem daraus resultierenden Erwachsenen. Ein kaum lösbares Problem, wie mir nicht erst seit gestern scheint. Ein Knackpunkt, der noch dazu immer wieder dazu verleitet, Autor und Erzähler ebenso unstet zu behandeln und im Zweifel hemmungslos miteinander zu vermengen. Eine häßliche Unart literarischer Betrachtung generell.

Selbstverständlich rede und schreibe ich mich hier mitunter auf genau diese Art irgendwo zwischen Autor, Figur und Text hindurch, im Zweifel auch an allem vorbei. Das scheint einfach unumgänglich zu sein, und natürlich meine ich es nicht so, sondern jedesmal irgendwie anders. Ein bißchen ist das wohl die Klagenfurtnote. Ich bitte vorab um Verzeihung.

Weiter also mit dem Text von Gunther Geltinger, der vor Ort gleich als erstes präsentiert wurde. Ich war pünktlich, aber nicht früh genug dort, deshalb hockte ich im Saal ganz am Rand auf der Treppe. Die vielen ausführlichen Außenbeschreibungen der privaten Randständigkeit, der Moorlandschaft also, sind an mir vorbeigerauscht. Mitbekommen habe ich vor allem die Geschichte des Jungen und seiner Mutter, diese eine Nacht. Kalt gelassen hat mich das nicht, auf keinen Fall. Die Kälte, die Einsamkeit, der plötzliche Abgrund im ohnehin schleichenden Schrecken. Dennoch blieb ich skeptisch, ich weiß nicht warum. Wegen ein paar mißglückter Ausdrücke? Wegen einiger Sätze, die Tiefe andeuten, aber bei mir zunächst nur Schmunzeln hervorriefen? Wegen der ganz offensichtlich unscharfen Position eines Ich-Erzählers im Nebel?

Beim Nachlesen verwirren mich zunächst eben diese Beschreibungen und die darin versteckten Andeutungen, die ich nicht verstehe. Wieso wird Stille zur Bewegung? Und wie wird sie das? Was ist ein Sommerversprechen? Was macht es da, völlig verloren und von allem losgelöst, gleich zu Beginn in der Geschichte? Und zuletzt noch das Klagen einer Krähe? Das ist mir vertraut, das habe ich schließlich auch hier, am frühen Morgen vor meinem Schlafzimmerfenster. Oder sind das Elstern, die da singen? Egal. Mit Krähen jedenfalls ergibt es eine hübsche Alliteration, doch erkennen kann ich es dennoch nicht. Ich habe keine Ahnung, was damit gesagt sein soll. Und ich habe keine Möglichkeit, es herauszufinden. Mir ist, als sei alles das als selbstverständlich vorausgesetzt. Das Moor und das, was Kinder dort machen. Wie sie leben und erleben. Als müßte ich das wissen, sowieso, weil eben alle es wissen. Doch für mich bleibt es leer, einfach nur Sprachschmuck, weiter nichts. Und das kann doch nicht sein.

Gleich im zweiten Abschnitt erhellt sich mir allerdings ein wichtiger Aspekt in Bezug auf meine oben vorgestellte Grundfrage. »So erinnere ich es heute …« steht dort. Das ist der Moment, ganz klar, in dem sich das Erzählerich teilt, unwiderruflich, in den Jungen von früher und den Erwachsenen von heute. Das ist eindeutig, das verstehe ich sofort. Das ist der erste „Fehler“. Später gibt es weitere Einlassungen: »… Striche auf einer Skizze zu einem Bild, das ich nun zu Ende bringen muss …« oder »Doch das wusste ich damals noch nicht und kann es heute nur behaupten.« (ff) Damit ist meine Problematik mit einer derart gespaltenen Erzählsituation mehr als deutlich angerissen. Besonders für den letzten Satz bin ich nahezu dankbar, denn in ihm liegt die Unmöglichkeit dieser Art des Erzählens. Auf dieser Grundlage kann alles nur Konstruktion und letztendlich Behauptung sein. Nicht aber Leben, nicht einmal erfundenes Leben.

»Erinnerungssucht.« Noch so ein Schlüsselwort im Text, wie für mich gemacht. Wunderbar gelungen, und auch das bringt mich weiter auf meiner Suche. Erinnerung ist nichts Starres, das ist mir bekannt. Erinnerung verändert sich. Ein Erzähler, der sich an einer einzig gültigen Wahrheit versucht, ist somit tatsächlich eher ein Träumer, ein Phantast. Mehr, als er es sich selbst zuzugeben in der Lage wäre. Vielleicht schwimmt deshalb dieses schwammige Gefühl, diese Unklarheit durch den Text. Weil es anders unter dieses Voraussetzungen gar nicht sein kann. Weil es echte Erinnerung nicht gibt.

Versucht habe ich es schließlich auch schon, ich weiß gar nicht wie oft. Das Kind, das ich war. So steht es irgendwo in einem meiner verworfenen Manuskripte, und es ist so oder so ähnlich, wie ich inzwischen weiß, ein Titel von Peter Wawerzinek, dem Sieger des letzten Klagenfurtjahrgangs. Aber es geht nicht mehr, ich kann so nicht mehr schreiben. Es führt zu nichts. Es endet immer im Kitsch, ohne daß ich es selbst rechtzeitig merke. Und auch dieser titellose Geltingertext – ein Romanauszug, was sonst? – mündet mit seinem letzten Satz in dem, was ich neulich schon Kinderkitsch genannt habe. Denn niemand nimmt jemals Rücksicht auf die Träume der schlafenden Kinder. Das denkt nur der Erwachsene, der das Kind, das er selbst einmal war, von den anderen abzugrenzen versucht. Und das ist keine Lösung.

Nina Bußmann dagegen macht alles ganz anders. Sie macht es besser, soviel gleich vorneweg. Doch sie wendet einen einfachen Trick an, sie benutzt einfach kein Ich. Von daher fällt der Text eigentlich heraus aus meiner Suche, denn er kann mir keine Hilfe sein. Obwohl auch diese Erzählperspektive ganz nah an einer der beiden Hauptfiguren (Schramm) ist, kriecht sie zu keiner Zeit völlig in sie hinein. Außerdem sind beide Hauptfiguren männlich, so kann es auch kein Vertun in Bezug auf die Autorin geben. Auf die Art ist eben alles wesentlich einfacher.

Dennoch muß ich sagen ist es ausgezeichnet, wie Bußmann die verschiedenen Zeitebenen mitunter in einem einzigen Satz ineinander übergehen läßt, ohne daß man beim Lesen die Orientierung verliert. Da ist nichts spekuliert, nichts ungenau oder metaphernverhangen. Alles liegt klar auf der Hand, ist sauber gefegt und geharkt, wie Schramms Garten vermutlich. Dennoch ist im Grunde nichts eindeutig. Diese Geschichte lebt von ihren Leerstellen, und wie sie davon lebt. Kein Kitsch und keine Moral. So hab ich es gern.

Warum von der Jury gleich zu Beginn das Stichwort Übergriff in den Raum geworfen wurde, ist mir ein Rätsel. Warum muß denn alles immer in der klassischen Opfer-Täter-Struktur erzählt werden? Als bestünde die Welt daraus. Das tut sie nicht, und ich sehe und lese in dem Text auch nichts davon. Aber ich lese viel anderes. Ich spüre das Schicksalhafte, das beinah Archaische in der Verstrickung zwischen Schramm und Waidschmidt. Die beiden sind irgendwie eins, oder sie werden es von Seite zu Seite immer mehr. Obwohl sie sich niemals erreichen werden, denn sie sind von grundlegend unterschiedlicher Zeit. Doch da ist keine Einseitigkeit, kein Opfer-Täter-Geschehen. Da ist nichts Übergriffiges, nichts Mißbräuchliches oder dergleichen. Wenn überhaupt ist es eine wechselseitige Abhängigkeit, ein gegenseitiges Bedingen. Nahezu ausweglos, vielleicht fatal vielleicht, ja. Aber vor allem ist es echt.

Ach, ich wünschte, ich hätte vor Ort mehr von dem Vortrag mitbekommen. Leider hockte ich schniefend im Café auf dem Boden, daddelte mit meinem Netbook herum und schaute und hörte nur wenig hin. Ich weiß nicht wieso, im Nachhinein betrachtet war das schön blöd. Aber alles mitkriegen kann man in Klagenfurt nicht, ob mit oder ohne Rotzkopf. Ich jedenfalls kann es nicht, habe ich festgestellt. Soviel Kapazität steht mir nicht zur Verfügung. Leider.

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DAS Blog ist DAS Blog ist DAS Blog

26. August 2011

Nur kurz, als Statement sozusagen: Ich bleibe bei DAS Blog, ist doch klar.

Auch wenn es ganz nüchtern und sprachwissenschaftlich betrachtet inzwischen ganz anders aussieht. Das hat gestern das Sprachlog detailliert und mit Grafiken aufgehübscht ausgeführt, selbst wenn der Autor dabei eindeutig auf meiner, also auf der richtigen Seite ist:

Warum sagt mein Sprachgefühl mir etwas so völlig anderes? Nun, zunächst ist klar, dass Blog eine Abkürzung von Weblog ist, und darin ist das Wort log enthalten. Die deutsche Entsprechung Log(buch) ist ein Neutrum, und als das Wort (We)blog vor noch nicht allzulanger Zeit ins Deutsche entlehnt wurde, war es deshalb auch ein Neutrum. Eine nach Jahren aufgegliederte Suche in den deutschen Tageszeitungen im Deutschen Referenzkorpus zeigt, dass das Verhältnis Neutrum/Maskulinum sich über die Jahre tatsächlich vom Neutrum zum Maskulinum verschoben hat …

Ach, wir werden den Kampf verlieren, das ist wohl klar. Leider.

Klagenfurter Nachlese (1)

17. August 2011

Andere behaupten ja gern von sich, sie seien eine Schnecke. Das mag stimmen oder auch nicht. Ich hetze ja mehr so umher, für mein Empfinden zumindest. Wenn ich dann allerdings doch einmal alles ausrollen lasse, kommt es mitunter zu einer überraschenden Langsamkeit. So habe ich nun, nach über vier Wochen, endlich damit begonnen, die Klagenfurttexte nachzulesen.

Zunächst einmal teile ich ein und zähle die Texte, die sich im weitesten Sinn mit Familie, also mit Vätern und Müttern und Kindern beschäftigen. Daniel Wisser, Anna Maria Praßler und sogar Steffen Popp zähle ich dazu, weil der Familienkomplex in den Texten irgendwie mitschwingt oder zumindest nicht weit entfernt scheint. Michel Božiković dagegen fällt raus, obwohl der Text vermutlich dazugehört. Ich glaube aber nicht, daß ich den noch einmal lesen möchte. (Aber wer weiß, vielleicht tue ich es am Ende doch und erlebe eine Überraschung.)

Bleiben drei, die nichts mit Kindheit, Familie und Erinnerung und so weiter zu tun haben. Drei von vierzehn. Mir ist ja klar, daß es im Klagenfurt immer so ist. Aber daß es so eindeutig ist, das überrascht mich dann doch.

Ich beginne also mit dem Siegertitel, den ich vor Ort aufgrund einer in der Nacht zuvor spontan einsetzenden Rotzröchelei kaum mitbekommen habe. Ich erinnere mich nur noch, daß ich aus dem Saal flüchten mußte, um fließend und schniefend dort nicht weiter zu stören. Da saß ich dann also in diesem Café auf dem Boden und versuchte, mich auf den großen Bildschirm in der anderen Ecke des Raumes zu konzentrieren. Tatsächlich war ich aber von den massiven Flüssigkeitstransfers im unmittelbaren Hintergrund meines Gesichts, inklusive unvermittelt einsetzenden Tränenflusses, einigermaßen in Beschlag genommen, um nicht zu sagen benebelt. Dementsprechend mies war mein erster und natürlich komplett unmaßgeblicher Eindruck.

Die klassische Themenstruktur Vater, Familie, Vergangenheit waren jedoch auch vor Ort, auch für mich in meiner mißlichen Lage, unüberhörbar vorhanden. Irgendwer hat kurz darauf geschrieben, daß der Text altmodisch und langweilig sei. Möglicherweise war es auch nicht nur einer, vielleicht wurde auch darüber geredet. Ich weiß es nicht mehr. Das Altmodische allerdings bestätigt sich jetzt, beim Nachlesen, nahezu sofort. Viele Beschreibungen, viel Außen, mit womöglich viel Bedeutung darin. Ich weiß es nicht. Aber langweilig finde ich es zunächst überhaupt nicht. Da ist ein Thema, eindeutig, und das ist kein bißchen schlecht. Das hat etwas, auch wenn ich es nicht recht zu fassen kriege. Selbst jetzt nicht, auf meinem Balkon, Wochen später. Und ohne gesundheitliche Beeinträchtigung. Trotzdem verpasse ich leider sämtliche Textstellen, die mir vermitteln sollen, daß es sich bei der Tochter um ein Kind handelt, und so sitzt da für mich zunächst einmal eine erwachsene Tochter hinter ihrem Vater auf dem Motorrad. Ohne Zweifel ist das Blödsinn und inhaltlich durch nichts begründet. Genau so komme ich mir dann auch vor beim Weiterlesen: leicht irritiert und irgendwie blöd.

Die Geschichte wird bodenlos für mich, ich lese haltlos weiter. Wenn ich genau nachschaue, wenn ich danach suche, dann finde ich natürlich die Stellen, die eindeutig auf das Kind hinweisen. Das Kind, das erzählt. Damit habe ich ein Problem, grundsätzlich. Diese kaum zu bewältigende Erzählperspektive, ein Kind sprechen zu lassen. Ein Kind, das erzählt, was erst die Erwachsene, sehr viel später womöglich, in einen Zusammenhang gebracht hat. Ein Kind, das aber dennoch ein Kind ist. Und ein Kind bleibt, innerhalb des Textes zumindest. Da fehlt grundlegende Substanz, als hätte es kein Leben danach gegeben. Ich weiß nicht, für mich funktioniert Erinnern einfach anders.

Aber wie gesagt, ich habe ein grundsätzliches Problem mit dieser Art von Textkonstruktion.

So verliert mich auch Im Kessel mehr und mehr und fängt sogar an, mich trotz gelungener und interessanter Passagen schwer zu ärgern. Mir ist das alles zu glatt, zu gradlinig. Zu durchdacht für ein Kind. Und es ist Kitsch, immer wieder. Auch mit Kitsch habe ich ein Problem. Ein ganz persönliches Problem übrigens, weiß ich doch genau, daß ich selbst einen nahezu unüberwindbaren Kampf mit dem eigenen Kitsch ausfechte. Tag für Tag sozusagen. Dennoch: der letzte Satz zum Beispiel, das ist doch keine Poesie. Das ist Kinderkitsch.

Ich mache weiter mit Anne Richter, deren Text ich in Klagenfurt wesentlich besser mitbekommen habe. Gut genug immerhin, um ihn sehr langsam und ebenfalls recht traditionell in Erinnerung zu haben. Darüber hinaus aber auch sehr deutlich und tief. Dennoch erwarte ich nicht viel, nur verschiedene verschachtelte Familiendesaster, langsame Dialoge, ordentlich notiert, und nichts Abschließendes, weil es natürlich ein Romanauszug ist. (Oder?)

Doch ich werde überrascht.

Abgesehen von dem artigen Stil, der nun wirklich nichts Spezielles hat, gefällt mir die Story an sich ausgesprochen gut. Es gibt zwar keinen Wechsel, an keiner Stelle, kein Tempo, grundsätzlich nicht, und keine Farbe, nirgends. Den Roman, wenn es denn einer ist, würde ich wohl eher nicht lesen wollen. (Es muß ein Roman sein, sonst macht das doch keinen Sinn. Oder?) Das wäre mir dann doch zuviel von all dem. Alles ist dunkel, auch das Blut und der Tod. Obwohl ich genau das eben mag, die Menschen darin vor allem. Ihre Schweigsamkeit und Starre, auch ihre Langsamkeit, diese entsetzliche Ergebenheit. Und die Konzentration auf die Geschwister, was ja auch der unvermeidliche Titel ist, die sich so fern sind, so nah. Das ist überdeutlich vorhanden. Und das ist doch eigentlich gut. Sogar die eine oder andere Beschreibung gelingt, und davon gibt es wieder einmal jede Menge. Was will ich denn mehr?

Es gibt ihn doch, den vertrauten Schrecken mitten in dieser familiären Düsternis. Irgendwie paßt das, alles. Wenn es nur nicht so harmlos geschrieben wäre, so artig zusammengebacken. Eines an das andere, logisch schlüssig und  seltsam unbeschädigt. Ohne Kontrast, ohne Risse, durch die der eine oder anderen Lichtstrahl den wirklichen Schrecken erhellen könnte. Schade.

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