Neues von den Tagebuchbloggern

5. März 2010

Mek Wito und Melancholie Modeste, die beiden Veteranen auf dem Gebiet, sind beide, mehr oder weniger sporadisch, fleißig dabei. Gleiches läßt sich für die Kaltmamsell sagen, dazu ist ihr Journal in letzter Zeit erschreckend vollständig.

Lisa Neun, ganz frisch in der Riege, hat als Zeichnerin selbstverständlich einen eigenen Weg gefunden: ihr Tagebuch erscheint als Comic. Und Franziscript, immerhin, hat neulich via Twitter ihren Einstieg ins Tagebuchbloggen angekündigt. Also abwarten.

Nachtrag: Anke Gröner, hab ich bislang völlig übersehen.

Die Krux mit den Kommentaren

22. Februar 2010

Eine der herausragenden Funktionen von Blogs ist die Kommentarfunktion. Man könnte sagen, daß es sich um ein absolutes Alleinstellungsmerkmal handelt. Kommentare sind das Ende der publizistischen Einbahnstraße, sie bedeuten Reflektion und Austausch. Im besten Fall.

Vor Jahren, als ich mein erstes „Blog” noch handgestrickt und per FTP hochgeladen habe, gab es dort aus technischen Gründen keine Möglichkeit zur Kommentarabgabe. (Besser nicht fragen, warum. Meine damalige technische Unzulänglichkeit ist mir heute ein kleines bißchen peinlich. Meine heutige allerdings meistens auch, das wird wohl immer so bleiben.) Vor allem, weil es keine Kommentarfunktion gab, habe ich irgendwann angefangen, mich nach einer Lösung umzusehen. Zunächst bin ich zu Twoday gewechselt, kurz darauf dann auf eine eigene Domain. Kommentare waren und sind mir einfach wichtig.

Im besten Fall kommen auf Basis der Kommentarfunktion Begegnungen und Bekanntschaften zustande, mitunter sogar Freundschaften. Auch fein ist ein intensiver Austausch, Ideen und Informationen können auf der Basis entwickelt werden. Ärgerlich sind Spamattacken und richtig nervig, wenn man sich einen hartnäckigen, womöglich auch noch bösartigen Troll eingefangen hat. Das alles ist jedoch noch harmlos.

Die rechtliche Lage ist - grob gesagt und ohne rechtsverbindlichen Anspruch - eindeutig: Niemand darf auf meinen Seiten Unsinn in den Kommentaren hinterlassen. Das gilt vor allem für rechtwidrige Links, nicht jugendfreie Werbung und Ignorieren des Urheberrechts. Selbstverständlich möchte auch kaum jemand sonstige Werbung ungefragt dort beherbergen. Außerdem dürfen keinerlei Beleidigungen oder Verunglimpfungen dort veröffentlicht sein, ganz egal, wer damit gemeint sein könnte. Also auch ein Herr Westerwelle, so angebracht das auch sein mag, keine öffentliche oder private Person oder auch nur ein Nutzernick darf dort nicht beschimpft werden. Und es gibt sicherlich noch einiges mehr, auf das man in dem Zusammenhang zu achten hat.

Im Klartext bedeutet das: Kommentare müssen zwingend überwacht werden. Im Zweifel einfach von Herzen löschen. Besser ist besser.

Richtig übel wird das allerdings bei Blogs mit Magazincharakter. Solche Blogs werden häufig mit den gängigen Nachrichtenportalen verwechselt und haben daher mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen, wie sie auch auf eben diesen professionell aufgezogenen Seiten auftreten. Mit dem Unterschied, daß der damit verbundene Arbeitsaufwand von einem einzelnen Blogger oder auch einem Bloggerkolletiv kaum geleistet werden kann.

Das Hauptstadtblog beispielsweise zieht seit jeher eine zwar recht kleine, aber doch höchst aktive Schar von Stammkommentatoren an. Das erhöht zwar die Diskussionsquantität, damit jedoch nicht zwingend auch die Diskussionsqualität. Meistens geschieht das Gegenteil und jeder einzelne Beitrag wird, ganz und gar unabhängig vom vorgegebenen Thema des Beitrags, für den immergleichen Streit genutzt. Darüber hinaus werden alle Versuche, dieses Gehampel möglichst zu unterbinden, gerne auf eine Metaebene gehoben und ebenfalls immer und immer wieder in den Niederungen der Kommentaren durchgekaut.

In dieser Situation hilft oft nur noch, die Kommentare für eine Weile ganz abzuschalten, um das Getrolle grundsätzlich auszuhungern. Nicht schön, aber es bringt eine beinah göttliche Ruhe in das Geschehen. Und natürlich die Diskussion, ob ein Blog ohne Kommentare denn überhaupt ein Blog ist.

Einmal haben wir das im HSB schon gemacht, und heute bin ich fast wieder soweit. Nachdem einer unserer Oberspaßmacher sich gegen Mittag eine Weile lang amüsiert hat, indem er im Minutentakt etliche Zitate in lateinischer Sprache unter diverse Beiträge postete. Was ich dann, als Nichtlateinerin, dennoch auf Inhalt zu prüfen hatte. Das geht nicht anders, das muß einfach sein. Ganz besonders bei den ohnehin blogbekannten Querulanten.

Doch an einem gewissen Punkt ist auch damit einfach Schluß. Da vergeht mir jegliche Lust, und zwar exakt in dem Moment, in dem das Ganze zu einem Machtspiel wird. Wenn es nicht mehr darum geht, etwas Bestimmtes zu sagen, sondern nur noch darum, überhaupt irgend etwas zu sagen. Gegen die putative Macht des Blogbetreibers. Wie ein kleiner Junge in der Warumphase, auch wenn es sich in dem Fall wohl eher um eine Darumphase handelt. Eine Guerillataktik im Grunde.

Doch es sind die vermeintlich Ohnmächtigen, die eine solche Gesamtlage beherrschen. Das ist lächerlich, aber es ist so. Und es hilft einfach nichts, nur die vollständige Verweigerung.

Schreiben ist auch lesen

15. Januar 2010

Schreiber sind auch Leser, alle. Früher oder später erwischt es die, die später auf die seltsame Idee kommen, selbst Buchstaben, Worte, Sätze aneinanderzureihen. Da sie sitzen sie also, in jungen Jahren schon,  weltentrückt, vertieft, in sich selbst und in die Seiten.

Das Ganze entwickelt sich natürlich mit der Zeit, es wird immer schlimmer und schlimmer. Aus Blättern wird Lesen, und auf das Lesen folgt die Reflektion. Irgendwann. Das Denken und Reden über Bücher als wären es Lebewesen.

Natürlich läßt sich auch trefflich über die Lektüre schreiben, jenseits der professionellen Kritik. Denn das wissen die Schreiber, die guten zumindest, daß es auf die Leser ankommt. Sie allein machen das Buch. (Naja, fast.)

Einige Leser - zur Zeit sind das Anselm Neft, casino, engl (ja, das bin ich), Isabel Bogdan, Kaltmamsell, Mek Wito, Melancholie Modeste und Percanta - haben sich nun entschlossen, in dem Blog COMMON READER - Der gewöhnliche Leser quasi öffentlich zu lesen.

Kommen Sie vorbei, reden Sie mit uns und empfehlen Sie uns weiter!

Glatte Zeit - wie sich die Räume öffnen

26. Dezember 2009

Eines der größten Probleme beim Schreiben ist es, die Zeit dazu zu finden. Sie sich zu nehmen oder zu schaffen. Irgendwie. Und zwar ist nicht nur eine genügende Zeitspanne vonnöten, es muß zwingend auch die richtige Zeit sein. Eine ausreichende Reihe von Momenten, in denen Zeit und Raum aufeinandertreffen, miteinander verschmelzen und damit die nötigen Türen öffnen. So viele wie nur irgend möglich.

Das ist nicht einfach.

Der Alltag arbeitet gegen diesen Zustand, gegen diese Art von Leben. Und leben muß man es, das Schreiben. Trotzdem zerschneiden Termine die Möglichkeiten, immer wieder, das Telefon funkt dazwischen und vermeintliche Verpflichtungen, die womöglich vermeidbar wären, grassieren mitunter wie die Pest. So wird der Wunsch, sich dem Zauber des Schreibens hinzugeben, plötzlich zu einem Kampf. Was selbstverständlich ebenfalls nicht besonders hilfreich ist. Denn er scheint stets aussichtslos.

Neulich stieß ich spät abends, beim nächtlichen TV-Zapping, auf eine Sendung über und mit Michael Köhlmeier, einem österreichischen Schriftsteller. Klar, daß ich bei so etwas hängenbleibe, egal, wie spät es ist. An einer Stelle war die Rede von glatter Zeit, die es zum Schreiben braucht. Längere Zeit also, in der nichts stört, in der Alltag in den Hintergrund tritt und Schreiben überhaupt erst möglich ist. Glatte Zeit, das ist ein wunderbar zutreffender Begriff, der, wie ich nach kurzer Recherche feststellte, auf Roland Barthes zurückgeht. Die Vorbereitung eines Romans habe ich leider nicht da, und im Netz finde ich gerade nur das Inhaltsverzeichnis (PDF). Sieht nach einem mächtigen Schinken aus, den es sich sicherlich lohnt zu lesen. Nicht nur wegen der glatten Zeit.

Andererseits (ver)braucht natürlich auch Lesen jede Menge Zeit. Zeit, die dann fürs Schreiben fehlt, eventuell. Bilde, Künstler, rede nicht! Doch genau weiß man das letztendlich nie, wo exakt die Grenze ist. Was hilft weiter, was zerstört, unwiderruflich. Und wann kippt es. Ins Unerträgliche, in Verzweiflung und Zweifel.

Nach fast zwei Monaten Unterbrechung, bedingt durch Broterwerb und anderen Streß, scheint es (mir derzeit) so gut wie unmöglich, einfach nahtlos weiterzumachen. Die Story wiederzufinden, den Ton und den Schwung. Oder auch nur einen halbwegs funktionierenden Anschluß zu bauen. Die Brücke, die geschlagen werden will, ragt weit hinaus ins Leere. Dort warten die Räume, die geöffnet werden wollen. Eine unglaubliche Anziehung geht davon aus. Aber wie findet sich die Zeit, die weit genug reicht?

Zum Abschluß noch ein interessantes Interview mit Michael Köhlmeier (PDF).

Das andere Ich

22. November 2009

Immer noch hänge ich am Ich. Nicht an der Autobiographie, diesmal, nicht an der faktischen Wahrheit. An der hänge ich ja ohnehin nicht so sehr. Vielmehr frage ich mich: Was macht das Ich, das ich (vielleicht) wirklich bin, während der Entwicklung eines anderen Ichs, einem (wirklich) fiktiven Ich, das zu einer Figur in einer Geschichte, in einem Buch taugt?

Irgendwie sind es ja immer nur Bruchstücke von einem selbst, sagte heute Juli Zeh in der Sendung Lido, sinngemäß. Es bleibt ja letztendlich doch immer alles im eigenen Kopf. So ungefähr. Begrenzt, beschränkt, eingesperrt im Eigenen. Das ist durchaus nichts Neues.

Und ist doch auch ein Problem. Vielleicht nicht später, wenn der Text abgeschlossen ist und fertig präsentiert werden kann. Wenn er möglicherweise veröffentlicht wird, schwarz auf weiß. Dann ist es leicht, die Konturen scharf zu ziehen und alle Unterstellungen weit von sich zu weisen.

Aber was tue ich jetzt, in der Phase des Schreibens? Schlimmer noch: Vor dem Schreiben, während der Konzeption der Charaktere und Figuren? Wenn ich also Menschen erfinde, die möglichst nicht hohl sein sollen und leer.

Da gibt es kein Halten, kein Lügen und kein Schwiegen. Da geht alles durcheinander. Da bin ich - dieses wirkliche Ich, das ich vielleicht bin - mein einziges Wahrnehmungsorgan. Ich bin alles, was ich habe. Alles, was mir zur Verfügung steht. Mehr gibt es nicht. Nach außen wie nach innen funktioniert dieser Blick, im besten Fall zumindest. Gleichzeitig versuche ich, eine Leere herstellen. Ebenfalls innen wie außen, so schwer das auch fällt. Und so seltsam das im ersten Moment erscheinen mag.

Denn Leere birgt immer Gefahren in sich. Weil nur darin sich etwas entwickeln kann.

Doch wer genau jetzt gerade (im Oktober/November 2009, ff) in meinem Privatblog engl@absurdum, in dem meine Schreibarbeit lediglich begleitet, selten aber darüber reflektiert wird, über sich schreibt, kann ich selbst - wer auch immer das sein mag - nicht mit Sicherheit sagen. Da kommt in letzter Zeit immer wieder dieser Typ durch, an dem ich gerade arbeite. Das muß ich an dieser Stelle einmal gestehen. Der hat zum Beispiel Magenprobleme, während ich ja eher zu Migräne neige. Magenschmerzen sind mir völlig fremd. So ist es eben, und es hilft ja nichts. Das muß ich jetzt also lernen.

Dementsprechend besteht durchaus die Möglichkeit, vermutlich ist es sogar wahrscheinlich, daß da drüben relativ unkoordiniert etwas darüber durchsickern wird. Oder ähnlich unzusammenhängendes Zeug, ohne daß es tatsächlich konkret zu mir gehören würde, selbstverständlich. Das tut mir jetzt schon mal vorsorglich leid. Geht aber nicht anders.

Privat

1. November 2009

Ein wenig habe ich das Tagebuchbloggen aus den Augen verloren. Obwohl es natürlich in Blogs immer irgendwie da ist, auch wenn es nicht ausdrücklich postuliert wird. Obwohl ich selbst gerade sehr privat und dementsprechend hermetisch meine Tage begehen. Manchmal auch nur splitterhaft. Mehr funktioniert nicht in dieser Art von Öffentlichkeit. Zumindest für mich nicht.

Mek erinnert mich nun daran und legt wieder los mit dem Tagebuchbloggen. Superlangweilig? Nein, gar nicht.

Ich bin ich

29. Oktober 2009

Aus aktuellem Anlaß denke ich über autobiographisches Schreiben nach. Das Schreiben über das eigene Leben also, das eigene Leben aufschreiben. Vielleicht nicht alles, aber doch die eine oder andere Geschichte. Die Brennpunkte, Schmelztiegel benennen, die es in jedem Leben gibt. Ist das wichtig? Hat das eine Bedeutung? Ist das Literatur? Ist es das wert?

Man hört das ja oft, wenn bekannt wird, daß man selber schreibt. Dieser eine Satz, der fast unweigerlich von jedem kommt, der überhaupt etwas dazu sagt, das nicht grundsätzliches Unverständnis ausdrückt: Ich könnte ganze Bücher schreiben, soviel hab ich erlebt.

Mach doch, denke oder sage ich dann immer. Wenn du kannst.

Ganz so einfach ist es mit dem Schreiben schließlich auch wieder nicht, soviel steht fest. Spätestens in dem Moment, in dem man es versucht.  Schon gar nicht mit dem Aufschreiben von echtem, wahren Leben. Was immer das auch sein mag. Ich glaube ja nicht wirklich an die Wahrheit, das hatte ich schon einmal ausgeführt. Ich bestehe auf Fiktion. Gerade deshalb ist das Autobiographische wirklich harte Arbeit, vielleicht die härteste überhaupt. Das Erinnern und Beleben von Vergangenem. Das Auswählen, Sortieren und Beschreiben, letztendlich. Oder - schlimmer noch - das direkte Umsetzen des aktuell Erlebten, wie es beim Bloggen allzu oft vorausgesetzt wird.

Ich glaube einfach nicht daran, zumindest nicht beim Bloggen. Das mag natürlich vor allem in mir selbst begründet sein, ganz sicher ist es das. Andere empfinden das Schreiben an der eigenen Biographie als Befreiung, als Erleichterung oder Bewältigung sogar. Nicht zuletzt werden Biographien gerne gelesen, auch von mir übrigens. Ich lese sie allerdings als eine Art Fiktion. Logisch, so bin ich eben.

Dennoch schöpfe auch ich immer wieder, nahezu ausschließlich sogar, aus dem eigenen Fundus. Woraus denn auch sonst? Mein Ich ist mein Wahrnehmungs- und Verarbeitungsorgan. Das sei an dieser Stelle unumwunden zugegeben, und das ist auch kein Widerspruch. Das geht einfach nicht anders, deshalb gehört es zusammen. Wahrheit und Fiktion, das ist dasselbe. Für mich zumindest, so verrückt das auch klingen mag.

Es ist so, und deshalb verrate ich den aktuellen Anlaß nicht, weshalb ich mich derzeit mit diesem ausweglosen Thema beschäftige, wieder einmal. Ich erzähle auch nicht, warum alle meine Hosen rutschen, derzeit, und ich den Gürtel nicht nur enger schnallen, sondern demnächst wohl zusätzlich noch die Lochzange suchen und in Einsatz bringen muß.

Das alles wird Text, irgendwann. Ich bleibe am Ball, ganz sicher. Aber so einfach mache ich es mir eben doch nicht. Niemals.

Ich weiß, ich bin verrückt.