Schreiben ist auch lesen

15. Januar 2010

Schreiber sind auch Leser, alle. Früher oder später erwischt es die, die später auf die seltsame Idee kommen, selbst Buchstaben, Worte, Sätze aneinanderzureihen. Da sie sitzen sie also, in jungen Jahren schon,  weltentrückt, vertieft, in sich selbst und in die Seiten.

Das Ganze entwickelt sich natürlich mit der Zeit, es wird immer schlimmer und schlimmer. Aus Blättern wird Lesen, und auf das Lesen folgt die Reflektion. Irgendwann. Das Denken und Reden über Bücher als wären es Lebewesen.

Natürlich läßt sich auch trefflich über die Lektüre schreiben, jenseits der professionellen Kritik. Denn das wissen die Schreiber, die guten zumindest, daß es auf die Leser ankommt. Sie allein machen das Buch. (Naja, fast.)

Einige Leser - zur Zeit sind das Anselm Neft, casino, engl (ja, das bin ich), Isabel Bogdan, Kaltmamsell, Mek Wito, Melancholie Modeste und Percanta - haben sich nun entschlossen, in dem Blog COMMON READER - Der gewöhnliche Leser quasi öffentlich zu lesen.

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Glatte Zeit - wie sich die Räume öffnen

26. Dezember 2009

Eines der größten Probleme beim Schreiben ist es, die Zeit dazu zu finden. Sie sich zu nehmen oder zu schaffen. Irgendwie. Und zwar ist nicht nur eine genügende Zeitspanne vonnöten, es muß zwingend auch die richtige Zeit sein. Eine ausreichende Reihe von Momenten, in denen Zeit und Raum aufeinandertreffen, miteinander verschmelzen und damit die nötigen Türen öffnen. So viele wie nur irgend möglich.

Das ist nicht einfach.

Der Alltag arbeitet gegen diesen Zustand, gegen diese Art von Leben. Und leben muß man es, das Schreiben. Trotzdem zerschneiden Termine die Möglichkeiten, immer wieder, das Telefon funkt dazwischen und vermeintliche Verpflichtungen, die womöglich vermeidbar wären, grassieren mitunter wie die Pest. So wird der Wunsch, sich dem Zauber des Schreibens hinzugeben, plötzlich zu einem Kampf. Was selbstverständlich ebenfalls nicht besonders hilfreich ist. Denn er scheint stets aussichtslos.

Neulich stieß ich spät abends, beim nächtlichen TV-Zapping, auf eine Sendung über und mit Michael Köhlmeier, einem österreichischen Schriftsteller. Klar, daß ich bei so etwas hängenbleibe, egal, wie spät es ist. An einer Stelle war die Rede von glatter Zeit, die es zum Schreiben braucht. Längere Zeit also, in der nichts stört, in der Alltag in den Hintergrund tritt und Schreiben überhaupt erst möglich ist. Glatte Zeit, das ist ein wunderbar zutreffender Begriff, der, wie ich nach kurzer Recherche feststellte, auf Roland Barthes zurückgeht. Die Vorbereitung eines Romans habe ich leider nicht da, und im Netz finde ich gerade nur das Inhaltsverzeichnis (PDF). Sieht nach einem mächtigen Schinken aus, den es sich sicherlich lohnt zu lesen. Nicht nur wegen der glatten Zeit.

Andererseits (ver)braucht natürlich auch Lesen jede Menge Zeit. Zeit, die dann fürs Schreiben fehlt, eventuell. Bilde, Künstler, rede nicht! Doch genau weiß man das letztendlich nie, wo exakt die Grenze ist. Was hilft weiter, was zerstört, unwiderruflich. Und wann kippt es. Ins Unerträgliche, in Verzweiflung und Zweifel.

Nach fast zwei Monaten Unterbrechung, bedingt durch Broterwerb und anderen Streß, scheint es (mir derzeit) so gut wie unmöglich, einfach nahtlos weiterzumachen. Die Story wiederzufinden, den Ton und den Schwung. Oder auch nur einen halbwegs funktionierenden Anschluß zu bauen. Die Brücke, die geschlagen werden will, ragt weit hinaus ins Leere. Dort warten die Räume, die geöffnet werden wollen. Eine unglaubliche Anziehung geht davon aus. Aber wie findet sich die Zeit, die weit genug reicht?

Zum Abschluß noch ein interessantes Interview mit Michael Köhlmeier (PDF).

Das andere Ich

22. November 2009

Immer noch hänge ich am Ich. Nicht an der Autobiographie, diesmal, nicht an der faktischen Wahrheit. An der hänge ich ja ohnehin nicht so sehr. Vielmehr frage ich mich: Was macht das Ich, das ich (vielleicht) wirklich bin, während der Entwicklung eines anderen Ichs, einem (wirklich) fiktiven Ich, das zu einer Figur in einer Geschichte, in einem Buch taugt?

Irgendwie sind es ja immer nur Bruchstücke von einem selbst, sagte heute Juli Zeh in der Sendung Lido, sinngemäß. Es bleibt ja letztendlich doch immer alles im eigenen Kopf. So ungefähr. Begrenzt, beschränkt, eingesperrt im Eigenen. Das ist durchaus nichts Neues.

Und ist doch auch ein Problem. Vielleicht nicht später, wenn der Text abgeschlossen ist und fertig präsentiert werden kann. Wenn er möglicherweise veröffentlicht wird, schwarz auf weiß. Dann ist es leicht, die Konturen scharf zu ziehen und alle Unterstellungen weit von sich zu weisen.

Aber was tue ich jetzt, in der Phase des Schreibens? Schlimmer noch: Vor dem Schreiben, während der Konzeption der Charaktere und Figuren? Wenn ich also Menschen erfinde, die möglichst nicht hohl sein sollen und leer.

Da gibt es kein Halten, kein Lügen und kein Schwiegen. Da geht alles durcheinander. Da bin ich - dieses wirkliche Ich, das ich vielleicht bin - mein einziges Wahrnehmungsorgan. Ich bin alles, was ich habe. Alles, was mir zur Verfügung steht. Mehr gibt es nicht. Nach außen wie nach innen funktioniert dieser Blick, im besten Fall zumindest. Gleichzeitig versuche ich, eine Leere herstellen. Ebenfalls innen wie außen, so schwer das auch fällt. Und so seltsam das im ersten Moment erscheinen mag.

Denn Leere birgt immer Gefahren in sich. Weil nur darin sich etwas entwickeln kann.

Doch wer genau jetzt gerade (im Oktober/November 2009, ff) in meinem Privatblog engl@absurdum, in dem meine Schreibarbeit lediglich begleitet, selten aber darüber reflektiert wird, über sich schreibt, kann ich selbst - wer auch immer das sein mag - nicht mit Sicherheit sagen. Da kommt in letzter Zeit immer wieder dieser Typ durch, an dem ich gerade arbeite. Das muß ich an dieser Stelle einmal gestehen. Der hat zum Beispiel Magenprobleme, während ich ja eher zu Migräne neige. Magenschmerzen sind mir völlig fremd. So ist es eben, und es hilft ja nichts. Das muß ich jetzt also lernen.

Dementsprechend besteht durchaus die Möglichkeit, vermutlich ist es sogar wahrscheinlich, daß da drüben relativ unkoordiniert etwas darüber durchsickern wird. Oder ähnlich unzusammenhängendes Zeug, ohne daß es tatsächlich konkret zu mir gehören würde, selbstverständlich. Das tut mir jetzt schon mal vorsorglich leid. Geht aber nicht anders.

Privat

1. November 2009

Ein wenig habe ich das Tagebuchbloggen aus den Augen verloren. Obwohl es natürlich in Blogs immer irgendwie da ist, auch wenn es nicht ausdrücklich postuliert wird. Obwohl ich selbst gerade sehr privat und dementsprechend hermetisch meine Tage begehen. Manchmal auch nur splitterhaft. Mehr funktioniert nicht in dieser Art von Öffentlichkeit. Zumindest für mich nicht.

Mek erinnert mich nun daran und legt wieder los mit dem Tagebuchbloggen. Superlangweilig? Nein, gar nicht.

Ich bin ich

29. Oktober 2009

Aus aktuellem Anlaß denke ich über autobiographisches Schreiben nach. Das Schreiben über das eigene Leben also, das eigene Leben aufschreiben. Vielleicht nicht alles, aber doch die eine oder andere Geschichte. Die Brennpunkte, Schmelztiegel benennen, die es in jedem Leben gibt. Ist das wichtig? Hat das eine Bedeutung? Ist das Literatur? Ist es das wert?

Man hört das ja oft, wenn bekannt wird, daß man selber schreibt. Dieser eine Satz, der fast unweigerlich von jedem kommt, der überhaupt etwas dazu sagt, das nicht grundsätzliches Unverständnis ausdrückt: Ich könnte ganze Bücher schreiben, soviel hab ich erlebt.

Mach doch, denke oder sage ich dann immer. Wenn du kannst.

Ganz so einfach ist es mit dem Schreiben schließlich auch wieder nicht, soviel steht fest. Spätestens in dem Moment, in dem man es versucht.  Schon gar nicht mit dem Aufschreiben von echtem, wahren Leben. Was immer das auch sein mag. Ich glaube ja nicht wirklich an die Wahrheit, das hatte ich schon einmal ausgeführt. Ich bestehe auf Fiktion. Gerade deshalb ist das Autobiographische wirklich harte Arbeit, vielleicht die härteste überhaupt. Das Erinnern und Beleben von Vergangenem. Das Auswählen, Sortieren und Beschreiben, letztendlich. Oder - schlimmer noch - das direkte Umsetzen des aktuell Erlebten, wie es beim Bloggen allzu oft vorausgesetzt wird.

Ich glaube einfach nicht daran, zumindest nicht beim Bloggen. Das mag natürlich vor allem in mir selbst begründet sein, ganz sicher ist es das. Andere empfinden das Schreiben an der eigenen Biographie als Befreiung, als Erleichterung oder Bewältigung sogar. Nicht zuletzt werden Biographien gerne gelesen, auch von mir übrigens. Ich lese sie allerdings als eine Art Fiktion. Logisch, so bin ich eben.

Dennoch schöpfe auch ich immer wieder, nahezu ausschließlich sogar, aus dem eigenen Fundus. Woraus denn auch sonst? Mein Ich ist mein Wahrnehmungs- und Verarbeitungsorgan. Das sei an dieser Stelle unumwunden zugegeben, und das ist auch kein Widerspruch. Das geht einfach nicht anders, deshalb gehört es zusammen. Wahrheit und Fiktion, das ist dasselbe. Für mich zumindest, so verrückt das auch klingen mag.

Es ist so, und deshalb verrate ich den aktuellen Anlaß nicht, weshalb ich mich derzeit mit diesem ausweglosen Thema beschäftige, wieder einmal. Ich erzähle auch nicht, warum alle meine Hosen rutschen, derzeit, und ich den Gürtel nicht nur enger schnallen, sondern demnächst wohl zusätzlich noch die Lochzange suchen und in Einsatz bringen muß.

Das alles wird Text, irgendwann. Ich bleibe am Ball, ganz sicher. Aber so einfach mache ich es mir eben doch nicht. Niemals.

Ich weiß, ich bin verrückt.

Taking it easy

27. September 2009

Irgendwo und überall in den Weiten des Netzes schneiden sich die Twitter-Timelines, jederzeit und immerzu. Das ist unausweichlich und gerade jetzt besonders präsent. Schließlich geht soeben die Bundestagswahl 2009 in die letzte Stunde, anschließend beginnt unmittelbar das Gezeter und Gerede. Und wir sind nicht nur live dabei, wir schnattern fleißig mit. Unsinn wird publiziert und gleich wieder dementiert, sinnlos bürokratisierte Demokratiemoral wird in die Welt gewünscht und Wahlverhalten basisnah analysiert. Gottessuche im Laptop, ein amüsanter Zeitvertreib.

Stimmt ja auch, manchmal. Aber grundsätzlich bin ich dafür zu lahm, das stelle ich mehr und mehr fest. Ich bin denkbar ungeeignet für das schnelle Wort, rechtzeitig und punktgenau in Umlauf gebracht. Da bin ich wie Lobo, da habe ich eindeutig viel zuviel „keine Ahnung” von. Zu sehen ist das nicht zuletzt an diesem Blog. So ungefähr einmal im Monat komme ich dazu, einen Beitrag zu schreiben. Und das, obwohl etliche Themen darauf warten, bearbeitet zu werden.

Es hilft nichts, hiermit bekenne ich mich offiziell zum slow blogging. Wobei ich ursprünglich der Auffassung war, daß diese Vorstellung auf meinem Mist gewachsen sein könnte und daher auch von mir ausformuliert werden müsse. Dem ist aber nicht so, wie mir google schnell klargemacht hat. Ich bin wieder einmal so ungefähr ein Jahr zu spät. Es existiert sogar ein von Todd Sieling formuliertes Manifesto. (Übersetzung von Jürgen Kummer)

An dem werde ich mich dann wohl in nächster Zeit abarbeiten. Schließlich heißt es da:

What’s yours? What makes you want to feel alright about doing things at their own pace? What is the anthem for your slow movement on the web, why do you swim against the flow of fastness?

Also: Nächsten Monat vielleicht. Oder sonst irgendwann. Wenn mir danach ist.

Rico Beutlichs Roman

29. August 2009

Es gibt Geschreibsel, das ist schwer zu lesen und kaum zu ertragen. Das ist so, weil zum Schreiben schon auch ein wenig Talent, Übung und Arbeit gehört. Manche Menschen können eben einfach besser malen, tanzen oder angeln. Und das sollten sie dann auch tun.

So auch Rico Beutlich aus Dresden:

Kevin-Lukas wachte auf. Und er kuckte aus den Fenster und was er da sah war auch nicht gut, alles voll Regen. Grosse Tropfen, kleine Tropfen und dazu sehr viele mittelgroße Tropfen sind auch da … Ziemlich nass die Sache.

Schlimm. Auch wenn es sich nur um einen Text der „42erAutoren” handelt, die sich die 9 Seiten Stuß ausgedacht hat, um die sogenannten Zuschußverlage zu testen. Ein Unterfangen, das gar nicht so einfach war, sagt zumindest Tom Liehr:

Es ist extrem schwer, schlecht zu schreiben.

Natürlich haben die angefragten Bezahlverlage fast ausnahmslos zugegriffen, das Höchstgebot lag bei über 30.000 Euro. Die der Autor - jawohl! - für die Veröffentlichung hätte berappen müssen. Nachlesen kann man die ganze Story im frisch polierten online Spiegel.

Danach sollte wohl jedem klar sein, was das ist, so ein „Verlag”, der per Kleinanzeige nach Autoren sucht. Ein Unsinn nämlich, die reinste Abzocke. Eine Verlagsvariante, die im Grunde keine ist und deshalb schleunigst aussortiert gehört. Vor allem für all die, die ernsthaft veröffentlichen wollen. Finger weg!

Natürlich gibt es Menschen, die einfach irgendwann ein Büchlein für ihre nächsten Freunde und Verwandten in den Händen halten wollen. Die gesammelten Notizen eines Lebens in zwei oder drei Bänden vielleicht. (Nein, eines reicht nie!) Oder andere, die eine Printversion ihres Blogs herausgeben möchten. Else Buschheuer, die heute leider nur noch twittert, hat es vorgemacht. Ein Buch, das ist eben etwas ganz anderes. Das weiß jeder, auch jeder Blogger.

Immer werden Menschen auf die eine oder andere Art ihre Erinnerungen festhalten wollen, für die Enkel vielleicht oder andere Nachkommen. Bücher spielen dabei seit jeher eine große Rolle. Das ist richtig und wichtig. Die meisten Menschen schreiben aus genau diesem Grund, für absolut nichts sonst. Für keinen Ruhm und kein Geld. Nur für die Geschichte, wie sie sie erlebt haben

Zum Glück gibt ja nun schon lange die vielen Print-on-Demand-Angebote, die für Kleinstauflagen bestens geeignet sind. Das ist solide und billig, zum Teil sogar kostenlos, soweit ich weiß. Und wer Hilfe bei der technischen Abwicklung braucht oder seinen Schreibstil ein klein wenig aufzupolieren gedenkt, bevor es ans Gedruckte geht - dafür gibt es überall Hilfe, die letztendlich wesentlich günstiger kommt als so ein dämlicher Pseudoverlag.