Mut zur Lücke

26. April 2012

Mit Sprache zu arbeiten bedeutet: nicht mit Sprache zu arbeiten.

Worte umschließen nur die Risse und Brüche, notdürftig, die Lücken im Denken. Wo Wirklichkeit und Wahrheit wohnen, im Atem. Dazwischen.

Klagenfurter Nachlese (5)

31. März 2012

[Auf der Suche nach dem ICH: 1. Klagenfurter Nachlese, 2. Klagenfurter Nachlese, 3. Klagenfurter Nachlese, 4. Klagenfurter Nachlese]

Ich bin spät, sehr spät, ich weiß. Aber zwei Texte lagen da noch, die ganze Zeit, und warteten, vorausgewählt, auf ihre Bearbeitung. Ich räume so etwas ja nicht weg, grabe es unter und vergesse es einfach. Das kann ich nicht.  Auch wenn eine solche Nachlese inzwischen albern wirken mag, ist doch der kommende Klagenfurtsommer längst gebucht.

Heute ist also der Beitrag zunächst von Anna Maria Praßler an der Reihe, von dem ich nur noch erinnere, daß viel Berlin darin vorkommt. Tempelhof, Prenzlauer Berg, das Schwarze Cafe, sogar Buckow und Steglitz, also ein bißchen was für alle. Mehr weiß ich auf Anhieb nicht mehr, aber es ist ja auch schon eine ziemliche Weile her. Beim Anlesen fällt mir dann auch gleich wieder ein, daß es um einen Tod geht.

Eigentlich ein Thema, das mich interessiert. Sehr sogar, aber im Text reißt mich dann leider wenig. Der Tod, um den es geht, ist komplett ausgeblendet. Sogar die Beerdigung. Im Grunde ist es so,  als wäre er gar nicht passiert. Gut, vielleicht ist das das Thema, und ich liege einfach falsch mit meinen Erwartungen. Erwartungen sind schlimme Biester. Es gibt dazu einen herausragenden Satz im Text: … seine Erwartungen brachten mich gegen ihn auf. Also Vorsicht! Aber auch der Stil schiebt mich nicht langsam aber sicher in die richtige Richtung, sondern dreht mich eher zielsicher aus meinem Grundinteresse heraus. Inhaltlich gibt es nur Fetzen von Gegenwart und Vergangenheit, was ja an sich gar nicht schlecht wäre. Doch das kommt so unzusammenhängend daher, so wahllos. (Sicher ein Romanauszug.) Ich langweile mich, so schlecht hatte ich den Text gar nicht in Erinnerung.

Und auch ob da nun ein ICH spricht oder ein ER, eine SIE, ein ES womöglich, das ist vollkommen egal. Das könnte man ohne großen Aufwand in ein paar Minuten in die dritte Person hinüberschreiben. Und es wäre größtenteils der gleiche Text, die gleiche Stimmung, die gleiche Langeweile. Ich zucke mit den Achseln und lese fertig, bleibe dann ratlos zurück. Schade.

Zuletzt also Steffen Popp, so hatte ich das vorgesehen und zurechtgelegt, vor ein paar Monaten. Ich weiß nicht mehr, wieso genau so. Aber jetzt ist es das eben. Der letzte Text. An ihn erinnere ich mich übrigens genau. Oder besser gesagt, ich erinnere mich kein bißchen an den Text, wohl aber an den fürchterlichen Vortrag. Diese gruselige Art zu Lesen soll Absicht sein, hat mir später jemand gesteckt. Damit alle Konzentration den Worten zukommt und nicht etwa dem Vortrag. Oder so ähnlich. Als ließe sich das trennen. Keine Ahnung, ob das stimmt. Bei mir hat es auf jeden Fall nicht funktioniert, im Gegenteil. Es hat mir den Text versperrt. Und zwar völlig.

Ich lese ihn also heute wie zum ersten Mal, obwohl ich bereits jedes Wort gehört haben muß. Und ich bin überaus angetan, das mal gleich vorneweg. Er ist das glatte Gegenteil von dem vorherigen: reich und elegant, vielschichtig und gebrochen, dabei hier und da, bei aller winterlichen Düsternis, sogar zum Grinsen. Faszinierend, vielleicht auf die lange Strecke ein klein wenig zu deskriptiv, aber die Luft hat mich letztendlich dann doch nicht verlassen. Zum Ende hin steht da ein Bild wie ein Mosaik, vermutlich unvollständig, weil ich bestimmt nicht immer aufmerksam genug gelesen, gesehen, geschaut habe. Weil natürlich nicht alles fest in den Text genagelt ist. Da sind Brüche und offene Enden überall.  Da ist viel Luft, viel Platz für Hirn. Und von all dem schwingt mir ständig etwas in die eigene Unschärfe. Das ist wirklich gut.

Ein ICH gibt es übrigens auch im Text. Da war ich mir ja zunächst überhaupt nicht sicher, so wenig, wie ich vor Ort von dem Text mitbekommen habe. Ich hatte einfach keine Ahnung. Aber es gibt ein ICH, wenn auch sehr uneindeutig und verschwommen, wie das Wetter. Ein ICH, das nicht „ich“ zu sich sagt, sondern „du“. Vielleicht. Ganz sicher bin ich nicht. Möglicherweise benennt dieses ICH sich selbst auch überhaupt nicht, und das erwähnte DU ist noch ein anderes. Was auch immer? Wer weiß? Doch da ist ein  ICH, ohne jeden Zweifel. Es sammelt und sieht und sagt und denkt sich etwas. Vielleicht schreibt es sogar. Es erscheint nur ebenso verschattet wie diese Dorfgeschichte insgesamt betrachtet nur eine Spur ist. Das ist ein Umgang mit dem ICH, der mir sehr gefällt. Ebenso reduziert wie dennoch auch präsent.

Und das paßt, das ist ein guter Abschluß.

Schürfen und schaufeln

29. Februar 2012

Geschichten gibt es auch ohne Öffentlichkeit, gleich welcher Art diese Öffentlichkeit auch sein mag. Papier, Pixel oder ein offenes Ohr, darauf kommt es erstmal nicht an. Geschichten gibt es einfach nur so, ganz für sich allein. Vermutlich ist das bei den meisten Menschen ähnlich, egal ob sie ihre Geschichten nun aufschreiben oder nicht einmal im Traum daran denken.  Geschichten kommen und gehen, ein Großteil wird niemals auch nur erzählt. Und so muß das sein, denn im Geheimen, da sind sie daheim. Irgendwo im Kopf, wo im Zweifel alles für immer verborgen ist. Wo niemand jemals hineingreifen und copypasten wird, da wohnen die Geschichten, erlebte wie erfundene. Dort wachsen sie und werden, reif. Oder auch nicht. Die meisten Geschichten werden vergessen oder verworfen, unzählige, jeden Tag. Tausende vermutlich, in einem einzigen Kopf. (Nein, ich übertreibe nicht. Vergessen zu können, das ist eine großartige menschliche Gabe.)

Vor allem liegt es aber daran, daß das Erzählen Zeit braucht. Viel Zeit, viel Entscheidung und viel Gestaltung ist gefragt. Mehr noch, wenn es ums Schreiben geht. Drei Monate habe ich zuletzt für knapp fünfzehn Seiten gebraucht, von Mitte November bis Anfang dieses Monats. Mit den üblichen Mietschreibereien zwischendurch, die mir die Wohnung erhalten. Mit ebensoviel Schwiegen und Nichtstun gefüllt, auch das gehört dazu. Sacken lassen, vergessen sogar und dann wiederfinden. Grundlegende Arbeit also, kein schnelles Geblogge. Denn das ist es, auch hier an dieser Stelle. Selbst wenn ich für den einen oder anderen Blogbeitrag auch schon einmal mehr ein Stündchen brauchen kann. Es ist trotzdem etwas  anderes, ein Unterschied beinah wie Tag und Nacht. Wie schürfen und schaufeln.

Schreiben, ohne schnelle, fast automatische Publikation. Vielleicht auch ganz ohne Publikation, das weiß ich derzeit noch nicht.  Kein Netz und kein Boden aus Holz, nichts dergleichen. Wie hatte ich das vermißt, ohne von diesem Manko zu wissen. Eine Ahnung vielleicht, ein Gespür. Und dann diese Konzentration, diese Tiefe. Diese Zufriedenheit am Ende. Das Wissen, daß es besser kaum geht.

Ich denke, das muß ich ab sofort wieder häufiger machen. Das darf ich auf keinen Fall wieder vergessen. Am besten, ich arbeite gleich weiter. Ich hätte da auch schon eine Idee, ein vor langer Zeit angefangenes Projekt. Veröffentlichen werde ich auch das nicht, nicht sofort zumindest. Aber erzähle werde ich vielleicht davon. Drüben, in der Rubrik write-insight.

Blogger und Bummelanten

31. Januar 2012

Die These lautet: Bloggen ist altmodisch, bloggen ist unattraktiv und out. Bloggen hat sich längst schon selbst überlebt. Und das nicht erst seit gestern.

Das war doch gestern, oder etwa nicht, daß Facebook die Chronik erfand, die persönliche Lebensgeschiche im Netz? Das lebenslängliche Tagebuch sozusagen, mit Text, bewegten und bewegenden Bilder und Musik womöglich, in dem von Geburt an bis zum Tod alles online dokumentiert ist. Fehlt nur noch das Tool, das den Tod einstellt, letztendlich, wenn sich der Tod einstellt. Denn das stelle ich mir einstweilen dann doch noch schwierig vor, das jenseitige facebooken. Aber wer weiß!?

Und wer hat damit angefangen, es quasi erfunden? Die Blogger natürlich. Und zwar die, die seit Jahren ihre kleinen Alltagsgeschichten ins Netz stellen, gezielt und ambitioniert, wenn auch ohne jegliche Geschäftsinteressen. Wie absurd und verwerflich, wie langweilig und lahm. Wie mühselig auch, das alles selber zu machen. Das Design, die Vernetzung und überhaupt. Mitunter muß sogar dafür bezahlt werden.

Aber es gibt sie, nach wie vor. Und das ist kein Wunder.

Mein Fazit derzeit: Bloggen war schon immer seiner Zeit voraus, besonders das Bloggen jenseits der Blogcharts. Also das gerne verunglimpfte Befindlichkeitsbloggen in den vielen kleinen Tagebuchblogs. Ich bleibe dabei. Wer weiß, was noch daraus wird.

Leben und Schreiben

18. Dezember 2011

Sprache ist die Quelle von Mißverständnissen, das ist nichts Neues. Kommunikation ist eine komplexe Sache. Dazu braucht es mehr als nur Sprache, das steht wohl außer Frage.

Beim Bloggen ist das nicht anders, insbesondere bei der ganz persönlichen Art des Bloggens. Und sie sind ja nicht selten, die Tagebuchblogs zwischen persönlichem Erleben und literarischer Verarbeitung des Alltags. Auch hier ist mehr als Sprache gefragt, um zu verstehen. Oder aber manchmal auch nicht zu verstehen. Das gehört eben auch mit dazu.

Auch Claudia von der Sammelmappe kann ein Lied davon singen. Dieser Tage hat sie wieder einmal zusammengefaßt, wie es ihr mitunter ganz persönlich beim Bloggen ergeht:

Mir ist es sowohl in der realen als auch in der virtuellen Welt nicht fremd, dass ich auf Menschen stoße – bzw. eher umgekehrt, diese Menschen stoßen auf mich, machen sich ein Bild von mir und nach einer Weile fühlen sie sich provoziert, weil irgendetwas in diesem Bild nicht mit der Vorstellung, die sie sich von mir machen übereinstimmt. Je nach Persönlichkeit dieser Personen wird mir dann mehr oder weniger aggressiv gegenüber getreten. Mir werden Fehler in der Kommunikation vorgeworfen, mir wird erläutert, was die richtigen oder wichtigen Probleme, Themen oder Lebensentwürfe wären. Mir wird auseinandergesetzt, welche Reaktionen man sich von mir erwarten würde – und ganz wichtig: mir wird versichert, wie hoch man mich schätze und dass man deshalb zu meinem Besten in diese Dikussion mit mir eintrete.

Mißverstanden werden, mißinterpretiert und aus mißlichen Gründen unvermittelt aggressiv angegangen, das passiert immer wieder. Das gehört auch beim Privatbloggen einfach dazu, darauf sollte man gefaßt sein. Es ist wie mit jeder Literatur, die Versuchung ist groß, hinter dem Text die Person zu erkennen und klar zu definieren. Das ist jedoch nur ein Spiel, das man durchaus einmal spielen kann, um sich selbst auf die Schliche zu kommen. Nicht jedoch den anderen. Die Menschen hinter dem Text zu durchschauen ist ein Aspekt, der von Grund auf zum Scheitern verurteilt ist.

Für den oder die PrivatbloggerIn bedeutet das: Letztendlich hilft nur Gelassenheit. Und die Gewißheit, daß das eigene Leben ohnehin die einzige Konstante ist. Im eigenen Leben.

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Lesen und Schreiben

30. November 2011

Ein schönes und vertrautes Wortpaar. Eine Zwillingsexistenz, wie es vermutlich nicht nur mir scheint. Aber was haben Schreiben und Lesen tatsächlich miteinander zu tun?

Selbstverständlich empfehle ich allen, die Schreiben wollen, zunächst einmal das Lesen. Dabei kommt es nicht darauf an, was gelesen wird. Die meisten Menschen werden ohnehin zu dem greifen, was sie interessiert und was sie eventuell auch selbst verfassen möchten. Doch das  ist nicht der Punkt, es dürfen auch Waschmaschinenbauanleitungen sein oder völlig verkorkste Wikipediaeinträge sein.

Wichtig ist vor allem die Sprachbetrachtung. Sprache ist Muster und Struktur, sie ist in sich starr und wenig flexibel. Sprache ist Macht, und die will schreibend in Fluß gebracht werden. Dafür muß man sie kennen. Gut kennen.

Aber wenn es schließlich ans Schreiben geht. Was dann? Soll man dann noch lesen? Und wenn ja, was?

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Klagenfurter Nachlese (4)

30. Oktober 2011

[Auf der Suche nach dem ICH: 1. Klagenfurter Nachlese, 2. Klagenfurter Nachlese, 3. Klagenfurter Nachlese]

Julya Rabinowich und Daniel Wisser, zwei sehr unterschiedliche Texte. Warum habe ich die nur zusammengepackt? Keine Ahnung, irgendeine Intuition. Also mache ich jetzt was daraus.

Die Erdfresserin, sprach- und bildgewaltig, verdichtet, nicht nur wegen des einzeiligen Schriftbildes. Gar nicht so schlecht. Außerdem ein klares Ich, ein erzählendes Ich. Ein Ich mit Augen und Ohren, mit Geruch und Geschmack. Und ein Ich, das nicht in der Innensicht gefangen ist. Statt dessen eines, das auch die Welt sieht, die Wohnung zumindest. Ich mag dieses Ich, ich liebe es nahezu. Vielleicht ist das die Lösung, einfach nur klassisch erzählen, tief aus einem Ich heraus. Aber heraus eben, nicht hinein.

Hier und da ist die Textdichte vielleicht ein wenig viel. Ob ich ein ganzes Buch in dem Stil lesen wollen würde? Vermutlich eher nicht, da würde ich mir ein wenig mehr Tempowechsel wünschen. Oder zumindest mehr Zeilenabstand. Wobei mir natürlich wieder einmal ist mir nicht klar, ob es sich um einen Auszug handelt oder nicht.

Bei aller Schönheit läßt mich der Text also eher ratlos. Obwohl es der erste ist, der mich an die Bachmann denken läßt, immerhin. An Malina sogar, die Schlußpassage. Auch eine Wohnung, auch ein Innenleben, das dennoch nach außen strebt, bis zuletzt. Obwohl es dort natürlich Wechsel gibt, Dialoge und Erzählpassagen, Briefe und sogar Noten. Überhaupt frage ich mich, warum diese Texte alle so bieder daherkommen. Also zumindest optisch und strukturell so unglaublich bieder, beinah altmodisch. Wo doch Malina inzwischen tatsächlich 40 Jahre alt ist.

Mit Standby habe ich mich vergriffen, darin gibt es gar kein Ich. Es handelt sich vielmehr um eine Art Er, ein passiver Er noch dazu. Also eigentlich mehr ein Man, besser noch: ein passiver Mann. Eigenartig, aber egal. Vielleicht bringt es ja genau das.

Gepackt hat mich der Text schon beim Zuhören, gleich in er ersten Zeile. Der »Augenkopfschmerz«, wie ich das kenne. Bald danach verliert mich die Story allerdings. Der Mann halt, ein passiver Mann mit größtmöglicher Selbstdistanz. Obwohl er ein Pedant ist und ein Korinthenkacker noch dazu, leidenschaftslos und arm. Wie ich das kenne. Also dagegen ist nichts zu sagen, im Gegenteil. Trotzdem. Fürchterlich. Vielleicht weil ich das so gut kenne. An dem Punkt gebe ich auf, das wird mir zu persönlich. Da blicke ich also nicht wirklich durch, und das ist meine Schuld.

Bleibt die Frage, ob Dritte Person Passiv eine Lösung sein könnte. Oder einfach nur sperrig. Und langweilig. Spontan schüttelt es mich ja dabei, und nicht nur mit dem Kopf. Schade.

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